Gartenalarm: Dickmaulrüssler, Wanze und Co. sind schon da

von der RolleSechs lange Beine, ein brauner, tropfenförmiger Körper – Deutschland erlebt gerade eine Invasion langbeiniger Krabbeltiere. Es sind Wanzen, die zu Zig-Tausenden die Privatgärten erobern und Hauswände besetzen. Dabei handelt sich um Wanzen im Larvenstadium, die eher harmlos und zudem reine Pflanzensauger sind. Mit einem Wasserstrahl und etwas Spüli sind sie gut zu vertreiben. Aufgrund der Trockenheit fiel dieses Jahr nur ein verschwindender Teil der der Schädlinge dem Regen zum Opfer und der milde Winter hat viele der unterirdisch überwinternden Schädlinge geschont. Als wichtigste sind hier zu nennen: die Larven des Dickmaulrüsslers, die Engerlinge des Maikäfers und die Engerlinge des nah mit dem Maikäfer verwandten Junikäfers. Die beiden Letztgenannten galten bereits als fast ausgestorben. Oberirdisch überwinternde beißende und saugende Schädlinge wie z.B. Läuse hatten deutlich mehr mit der Feuchtigkeit zu kämpfen, als mit dem Frost. Sie treten in diesem Jahr in normalem Umfang auf.

Der wirkliche Feind in dieser Saison sind die Dickmaulrüssler und Co. Ihre Larven und Engerlinge leben von organischen Stoffen im Boden, ihre erwachsenen Stadien von oberirdischen Pflanzenteilen. Engerlinge sind der Alptraum des Rasenfreundes, weil sie die Wurzeln der Rasengräser fressen. Der Rasenfreund wundert sich, dass er ohne Anstrengung die Rasendecke anheben kann. Sie hat bereits keine Wurzeln mehr, der Rasen ist faktisch tot. Die erwachsenen Mai- und Junikäfer richten zusätzlich erhebliche Fraßschäden an frischen Austrieben von Gehölzen an, bis hin zum Kahlfraß an besonders befallenen Bäumen.

Wilhelm Kleinesdar, Pflanzenschutzberater der Landwirtschaftskammer NRW in Herford: „Das ist die Folge einer Entwicklung, die sich über Jahre fortgesetzt hat. Diese Käfer hat genügend gute Lebensbedingungen, wir bieten ihnen ideale Fraßvoraussetzungen wie Rhododendren und Kiefern, alles ist da. In der chemischen Bekämpfung ist über viele Jahre im Forstbereich, wo die Käfer viele Rückzugsbereiche haben, sehr wenig getan worden. So kann er jetzt ohne Probleme in die Gärten einwandern.“
Die Schäden dieses Käfers sind besonders hässlich, er bevorzugt unsere Immergrünen. Es sind Fälle von Massenbefall bekannt, bei denen Rüsselkäfer mit Besen zusammengekehrt und in Schubkarren abgefahren wurden. Fraßschäden finden bevorzugt an frischen Austrieben statt, die man an der Kiefer abgebissen am Boden findet. Oder der Rüssler schneidet sich ein ovales oder halbkreisförmiges Stück, beginnend am Blattrand, heraus. Das frische immergrüne Blatt kann mehrere Fraßstellen haben und behält sie, bis die Pflanze es abwirft. Dies bedeutet, dass solche Blätter die Pflanze u.U. über mehrere Jahre verunstalten.

Die chemische Bekämpfung von Dickmaulrüssler und Engerlingen ist nicht mehr zugelassen. E 605 ist nicht mehr erlaubt und vom Markt genommen. Es kommt nur die mechanische Bekämpfung der unterirdischen Stadien durch Fräsen oder die biologische Bekämpfung durch Nematoden in Betracht. Das Fräsen scheidet in eingewachsenen Beständen aus, unter flachwurzelnden Rhododendren zu fräsen zerstört das Wurzelwerk. Nematoden, lebendige Organismen, sind etwas für Fachleute. Vor Ausbringung sollte man genau wissen, wer der Gegner ist, und welcher Privatmann weiß dies schon, wenn noch keine Symptome oberirdisch erkennbar sind. Der erfolgreiche Einsatz von Nematoden muss auch bei der richtigen Bodentemperatur geschehen. Erfolgt der Einsatz bei zu kühlem Boden, zeigt sich keine Wirkung. Zu spät eingebracht, ist der Dickmaulrüssler bereits umgewandelt zum Käfer, der aus dem Boden aufgestiegen ist.

Wilhelm Kleinesdar über Nematodenausbringung durch Laien: „Diese Behandlungsmethode ist auch für den interessierten Hobbygärtner anwendbar, nachdem der Schädling korrekt bestimmt wurde. Die Nützlingsfirmen schicken die Nematoden nach Einsendung einer Auftragskarte direkt zum Anwender nach Hause. Die Karten gibt es im Fachhandel. Insgesamt ist das aber eher etwas für den Fachmann.“

Wenn sich die adulten Dickmaulrüssler zeigen, sieht man deutliche Fraßschäden und könnte mit Pyrethroiden auf biologischer Basis spritzen. Nur leider sind die Tiere unter den Blätter nur sichtbar, wenn man sehr nah heran geht. Sie lassen sich sofort fallen, wenn der Strauch bewegt wird. Es ist ein Kunststück, die Unterseite der Blätter eines Rhododendron zu bespritzen und dort die Rüssler zu benetzen. Mit der Spritze berührt man die Pflanze und die Rüssler springen ab.

Schmidt: „Das ist ein biologisch abbaubares Mittel, sehr wirksam in gewissen Bereichen gegen tierischer Schädiger. Heute sind sie gern gesehen, da abbaubar und auch vom Privatmann einzusetzen“ Herr Kleinesdar gibt zu bedenken: „Das ist insofern ein schwieriges Thema, weil die von den Bodenteilen stark sorbiert werden. Die Bodenwirkung von Pyrethroiden ist aus meiner Sich nie besonders gut gewesen. Man arbeitet damit im Grunde nur an der Oberfläche“
Gartenbesitzer stehen machtlos vor der prognostizierten Schädlingswelle von Dickmaulrüsslern und Mai-/-Junikäfern. Es betrifft den ganzen Kanon von Immergrünen, die bei Gärtner und Kunde noch immer besonders beliebt sind. „Bei laubabwerfenden Pflanzen ist ein Jahr Fraßschäden zu verschmerzen, nicht aber bei Immergrünen, die ihr angefressenes Laub mehrere Jahre tragen. Rückschnitt kann man einmal machen. Mehrmals geht kaum, da wir dadurch die Pflanzung zurückentwickeln“, so Jo Wietheger, Gärtner von Eden, von der Firma Wandrey in Bad Bramstedt. Sein Eden-Kollege Jonni Borgmann aus Rellingen: „Sehr wachsam sein und frühzeitig den Fachmann zur Analyse bestellen. Der kann den Schädling genau bestimmen und Maßnahmen einleiten, schließlich geht es um den Erhalt des persönlichen Ambientes, um wertvolle Pflanzen, in die man investiert hat und von denen man lange etwas haben möchte“.

Schmidt sieht als Baumschulspezialist ganz andere Probleme auf Gartenbesitzer zukommen: „Wo ich Probleme zukünftig sehe, sind pilzliche Erkrankungen, die ich auf klimatische Verschiebungen zurückführe. Einen solch trockenen und heißen April habe ich noch nicht erlebt. Wir werden anschließend wieder Kälteperioden haben. Da wird es nasskalt werden. Diese Wechsel der Extreme – von warmtrocken zu nasskalt – ist ein absoluter Infektionsherd für Pilzerkrankungen aller Art. Die Pilze sind ja latent vorhanden und die kommen dann unter besseren Bedingung zum Vorschein. Alle diese typischen Pilzerkrankungen werden uns in Zukunft viel mehr Kopfzerbrechen verursachen, als alle tierischen Schädiger zusammen“

221 Kommentare Montag, 21. Mai 2007 M. Morell


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